Die Finissage ist beendet. Im Vorraum der Kirche verweilen noch einige Interessierte, um bei einem Glas Wein ins Gespräch zu kommen, auch mit dem Künstler, Andreas Kuhnlein.

Später sehe ich ihn an mir vorbeigehen, seine Holzskulptur unter dem linken Arm, die er wieder mit zurĂĽck nach Unterwössen nimmt. Es sieht so leicht aus, sicher wegen der geringen Größe von 110 x 40 cm – aus Ulme gefertigt – kein Schwergewicht, aber ein Werk, das es in sich hat. Seit dem 5.3.2025 hat die Figur „Tragen und getragen werden“ in der Franziskusnische gestanden, nicht auf einem Sockel, sondern absichtlich auf dem Boden, wie der KĂĽnstler erklärt. Auch diesmal war die „Ausstellung“ wieder in Zusammenarbeit mit dem Kunstprojekt Da-Sein des Bistums Regensburg entstanden.

Hildegard Schlee-Schindler vom Kunstkreis der Pfarrei St. Franziskus führte durch den Abend. Sie hatte den Künstler bei einem Besuch in Unterwössen zufällig kennengelernt. Dort ist er aufgewachsen, dort lebt und arbeitet er. Er absolvierte eine Schreinerlehre, ging zum Bundesgrenzschutz, wurde Beamter auf Lebenszeit. Die Anbindung an seine landwirtschaftliche Herkunft war ihm Verpflichtung genug, die sichere Existenz aufzugeben und zurück nach Unterwössen zu gehen und nebenbei auch wieder in die Schreinerei. Er begann zu schnitzen, spürte eine große Erfüllung darin, probierte unterschiedliche Materialien aus, bis er schließlich zum „Holz“ fand. Seit 1983 ist Andreas Kuhnlein als freischaffender Bildhauer tätig. Seine Schaffenszeit hat er in den Winter verlegt, die Skulpturen werden im Freien gefertigt. Inzwischen kann er auf viele Einzelausstellungen zurückblicken, können sich Menschen an seinen Objekten im öffentlichen Raum erfreuen. Er ist vielfach für seine unverwechselbare Kunst ausgezeichnet worden. An dieser Stelle sei erwähnt, dass er sich in seinem Heimatort in der Pfarrkirche für einen Andachtsraum stark gemacht und diesen auch maßgeblich mitgestaltet hat, der ein starkes Zeichen berührender Mitmenschlichkeit, Solidarität und Hoffnung setzt. In Unterwössen haben sich in den 60er Jahren mehrere sexuelle Missbrauchsfälle zugetragen.

Seit 1995 fertigt Kuhnlein seine expressiven Skulpturen aus Holz, aus Totholz wie er betont. Einzig die Kettensäge kommt zum Einsatz, die ihn zwingt, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Stimmungen werden unmittelbar ins Werk übertragen.

Was ihn so an Holz fasziniere, wurde er gefragt. „Es gibt Parallelen zwischen uns Menschen und einem Baumstamm. Beide, sowohl die Jahresringe eines Baumes als auch das Gesicht eines Menschen erzählen von Vergangenem, tragen die verflossene Zeit in sich. Ich hole das darin gespeicherte Leben hervor und fördere menschliche Figuren zutage“.

Bei „Tragen und getragen werden“ ist der Torso eines Erwachsenen dargestellt, der ein Kind auf den Schultern trägt, die Oberflächen stark zerklüftet, Kuhnleins Markenzeichen.

Das Getragen werden ist uns mitgegeben. Der Mensch ist ein Lebewesen, das in seinen ersten Lebensmonaten getragen werden muss, um sich gut zu entwickeln, angewiesen auf Körperkontakt, auf tragende Arme, festhaltende Hände, auf Wärme und Bewegung. Diese Erfahrung stärkt die Kraft, auf eigenen Füßen zu stehen und groß zu werden. Und sie stärkt uns für die Aufgaben des Lebens: Lasten tragen, eigene, für andere, mit anderen.

„Immer schwingen bei meinen Arbeiten drei Botschaften mit: die Brutalität des Menschen, den Mitmenschen und der Natur gegenüber, die Verletzbarkeit und Zerbrechlichkeit des Menschen und die Vergänglichkeit als zentrale Wahrheit unseres Lebens“, sagt Kuhnlein.

Zum Tragen braucht es Stärke, in jeder Hinsicht. Aber auch das Getragen werden ist nicht von Pappe. Werde ich es zulassen können, wenn meine eigenen Füße mich nicht mehr tragen? Ob es leicht ist? Es kommt auf den Blickwinkel an.

Die Hollies besingen in einem Lied (1969) „he ain’t heavy, he’s my brother“. Die Musik ist den Älteren sicher vertraut. Es lohnt sich, den Text einmal genauer nachzulesen.

Zum Schluss noch einen Applaus für Herrn Högerl, der spontan bereit war, für die erkrankten Musiker einzuspringen und die Finissage mit seinem Orgelspiel zu umrahmen.

Teile diesen Beitrag mit guten Freunden:
→