Vernissage zur BIBLIA SACRA DalĂ­s – EindrĂĽcke

Schon lange angekündigt, von vielen mit Spannung erwartet, am Donnerstagabend war es so weit: Zahlreiche Besucher und Besucherinnen fanden sich in St. Franziskus ein, um herauszufinden, wie und ob das zusammen geht: Der große Dalí, der exzentrische Meister des Surrealismus, moderne Kirchenräume des 21. Jahrhunderts und die Bibel. Am Ende des Abends werden die allermeisten reich beschenkt nach Hause gegangen sein und mit der Erkenntnis: Wunderbar passt das zusammen.

Denn es gab nicht nur viel zu sehen – das aber natĂĽrlich vor allem: Im Kirchenraum von St. Franziskus, der schon im „Urzustand“ dazu anregt, sich zu bewegen, ihn umrundend zu erkunden, präsentieren sich jetzt in vier Gruppen verteilt 22 hochwertige Kopien aus Salvador DalĂ­s Biblia Sacra. Und gleich daneben, im Raum der Stille, sind neun Original-Lithografien des Zyklus zu bestaunen. Eine Welt von Farben und Formen, biblischen Gestalten und Szenen lädt ein, näher zu treten, in sie einzutauchen, befragt, zuweilen auch enträtselt zu werden.

Es gab auch zu hören und zu schmecken: Tina Eff an der spanischen Gitarre und Lisbeth Schrettenbrunner an Cajon und Gitarre gaben mit insgesamt fĂĽnf InstrumentalstĂĽcken der Veranstaltung Rhythmus und schafften Gelegenheit, Gesagtes und Geschautes nachklingen zu lassen. Und der Kunstkreis mit seinen UnterstĂĽtzern sorgte (schon vor und während des Kunstgesprächs, vor allem aber danach) mit erfrischenden und anregenden Getränken und kleinen Köstlichkeiten dafĂĽr, dass der Abend nicht zu nĂĽchtern blieb. Highlight war zweifellos der, passend zum Thema, kredenzte Drink „Belsazar Spritz“.

Zu erfahren war durch die einführenden Worte von Pfarrerin Dr. Bärbel Mayer-Schärtel auch, dass dieses Projekt die schon lange gewachsenen, guten ökumenischen Beziehungen in Burgweinting nun um eine neue Dimension bereichert: Eine solch große, gemeinsam konzipierte Kunst-Ausstellung – in der evangelischen Maria-Magdalena Kirche werden ja parallel weitere zehn Original-Lithografien der Biblia Sacra gezeigt – das hat es bisher nie gegeben.

Vor allem aber durften die Besucherinnen und Besucher den Sammler und Leihgeber der Bilder, den promovierten Alttestamentler und Pfarrer in Ruhe Dr. Herbert Specht kennenlernen, an seinem reichen Hintergrundwissen teilhaben und sich von seiner Begeisterung fĂĽr die Bildsprache und Theologie DalĂ­s anstecken lassen. So war zu erfahren, dass DalĂ­, der Allgemeinheit eher als schräge KĂĽnstler-Persönlichkeit bekannt, sich schon frĂĽher mit religiösen Themen befasst hatte, sich aber 1963 zur Biblia Sacra entschloss. In nur eineinhalb Jahren schuf er die insgesamt 105 Bilder dieses Zyklus‘. Ein AnstoĂź hierzu war nach Specht auch der Tod des von DalĂ­ verehrten Papstes Johannes XXIII. und das GefĂĽhl, „seiner“ Kirche jetzt diesen Dienst tun zu mĂĽssen.

Nacheinander auf je eigene Art klug und aus unterschiedlichen Perspektiven befragt durch den Hausherrn und Initiator des Projekts, Pfarrer Michael Hoch, die Vertreterin der evangelischen Gemeinde Stephanie Dimas und Lisbeth Schrettenbrunner, Sprecherin des Kunstkreises St. Franziskus und Hauptorganisatorin, machte sich Dr. Specht gemeinsam mit den Anwesenden anhand dreier der gezeigten Werke auf Entdeckungsreise. Es wurde eine Reise voller Ăśberraschungen und ohne letztgĂĽltige Gewissheiten. Specht legte Wert darauf, kein autoritativer ReisefĂĽhrer zu sein, der allein wisse, wo es lang gehe, sondern sich selbst tastend und fragend fortzubewegen. Jede und jeder waren aufgefordert, mit eigenen Augen hinzuschauen und der je eigenen Wahrheit nachzuspĂĽren.

Warum schwimmt der (widerwillige) Prophet Jona mit seinem Fisch in einem roten Meer? Steht es fĂĽr das vernichtende Feuer, das Gott dem sĂĽndigen Ninive androht oder fĂĽr die Bosheit seiner Bewohner oder doch eher fĂĽr die Liebe Gottes, der Ninive letztlich verschont? Und geht es mir nicht auch oft wie Jona, dass ich meinen Widersachern Pest und Cholera an den Hals wĂĽnsche, scheinbar „ungerechte“ Barmherzigkeit aber schwer ertrage?

Sind die Arme und Hände der Maria Magdalena unter dem Kreuz noch eins mit dem nach unten gezogenen toten Christus oder fangen sie schon an, sich zu öffnen? Ist der Tod eines geliebten Menschen für mich wie ein schwarzes Loch oder gelingt es mir – wird es mir einmal geschenkt – wie Maria Magdalena zu erkennen, dass sich hinter dem Tod Christi der Himmel öffnet?

Habe ich mich schlieĂźlich schon einmal gefragt, wie Tod und Auferweckung Jesu eigentlich fĂĽr Gott-Vater waren, so wie das offenbar DalĂ­ tat? Beziehnungsweise: Stelle ich mir Gott ĂĽberhaupt männlich vor? DalĂ­ jedenfalls hat da offensichtlich eine weniger eindeutige Sichtweise. Kann man, „darf“ man sich denn ĂĽberhaupt vom Kern der christlichen Botschaft, der Auferstehung Jesu, ein Bild, dazu noch ein solches machen: voller Details (eine weibliche HĂĽfte Gottes), voller Beziehung, Bewegung und Anspielungen?

Wer jetzt zugleich ein wenig konsterniert, aber auch neugierig geworden ist, wer jetzt noch mehr Fragen als zu Beginn hat, dem ergeht es so, wie es wohl auch der Mehrzahl der Teilnehmenden an der Vernissage ergangen ist: Dank der Kunst Salvador Dalís und dem Geschick der Veranstaltenden wurden die Menschen innerlich in Bewegung und miteinander in Austausch gebracht. Besser als mancher Predigt und manchem theologischen Buch gelang es, sie auf die Spur der biblischen Erzählungen zu setzen, die Bibel lebendig werden zu lassen.

Lust auf mehr? Noch dreieinhalb Monate ist dazu Gelegenheit! Weitere Infos finden Sie hier…

Teile diesen Beitrag mit guten Freunden:
→